“You can trust me, I’m an officer” – aus aktuellem Anlass

Den folgenden Artikel habe ich während meines letzten Ägypten-Aufenthalts für den Blog “Transit” des Goethe-Instituts in Kairo geschrieben. Ich habe ihn am 22.1.2012 abgegeben und bekam einige Wochen später auf Nachfrage folgende Reaktion:

“Letzte Woche haben wir uns entschieden Transit für eine Woche (diese) auf Eis zu setzen, d.h. in dieser Zeit nicht zu veröffentlichen. Es sind Fragen aufgetaucht, mit denen wir uns intern befassen müssen, bezüglich unserer Rolle als Projekt eines ausländischen Instituts. Letzte Woche wurde die Entscheidung getroffen eine Auszeit zu nehmen um genau das zu tun. Ein beitragender Faktor ist, dass die Institutsleitung die (ägyptischen) Mitarbeiter des Instituts keinem Risiko aussetzen will, angesichts der NGO-Festnahmen in Kairo vor einigen Wochen. Es tut mir daher aufrichtig leid Dir mitteilen zu müssen, dass wir Deinen Artikel nicht veröffentlichen können.”

Wenige Tage später, am 28.02.2012, wurden sämtliche Artikel des vergangenen Jahres offline genommen. Die Goethe-Institutsleiterin Gabriele Becker wurde dazu auf Deutschlandradio Kultur interviewt.

Auf Druck der Autor/innen und Dank der Nachfrage einiger Medienvertreter sind seit dem 14.03.2012 alle Artikel wieder online. Ob mein Text nun doch noch veröffentlicht wird, weiß ich nicht. Doch, wurde er (15.03.2012).

Trotzdem hier mein anekdotischer, launischer Artikel im Original:

„You can trust me, I’m an officer“

Die Geschichte einer Begegnung zwischen einer Reisenden und einem Offizier

Die Metrostation am Hauptbahnhof in Kairo heisst nicht mehr „Mubarak“, sondern „Shohadaa“ – Märtyrer. Auf Metroplänen ist der alte Name mal überklebt, mal grob überschrieben, mal zerkratzt, und manchmal steht es auch noch da: „Mubarak“.

Kurz vor dem Jahrestag des 25. Januar, dem Beginn der – bisher unvollendeten – ägyptischen  Revolution ist ohnehin klar: Namensänderungen sind symbolische Akte, Kosmetik.

Mit dem regierenden Militärrat sind nach dem Sturz Mubaraks weiterhin die Herren der alten Clique an der Macht. Prognosen darüber, was in den nächsten Wochen und Monaten, selbst Tagen passieren wird, wagt kaum jemand. „We do not know“ ist von allen Seiten zu hören.

In diesem Klima der Ungewissheit, in einem müden Kairo, mit intensiven Begegnungen und tausend und einem Eindruck mache ich mich auf den Weg nach Alexandria, um ein paar Tage aufs offene Meer zu schauen.

Aus der Märtyrer-Mubarak-Station kommend gehe ich also in die glänzend renovierte Halle des Hauptbahnhofs und rolle meinen Koffer in Richtung Gleise, auf der Suche nach dem richtigen Zug. Ein älterer Mann will mir den Koffer aus der Hand nehmen, aber ich bin stur, so dass wir gemeinsam den Griff festhalten und über den Bahnsteig laufen. Ich wiederhole freundlich „Nein, danke“.

Ein junger Mann kommt heran und spricht mit meinem Begleiter, der daraufhin den Griff loslässt. Ich bedanke mich. Der Zug hat Verspätung, und der junge Mann, nach dessen Namen ich im Laufe unserer vierstündigen Begegnung nicht fragen werde, bietet mir in bestem Englisch an, mein Ticket für einen anderen Zug mit umzutauschen.

„You can trust me, I’m an officer“ sagt er selbstbewusst lächelnd, und ich lächle zurück, antworte skeptisch „ok“. Schließlich organisiert sich der Officer den Platz neben mir (in Ägypten fährt man mit Platzkarte), und als der Zug losfährt, holt er einen Stapel Zeitungen hervor. Ich realisiere, dass er zwar zivil gekleidet ist, aber eine Pistole an der rechten Seite trägt.

Sie befindet sich zwischen uns.

Ich bin es nicht gewohnt, neben Menschen mit Waffen zu sitzen, und es macht mich nervös. Ist dieser Offizier immer so freundlich und zuvorkommend, oder würde er mit dieser Waffe auch auf Demonstranten schießen?

„What do you think about the revolution?“ unterbricht er meine Gedanken.

Er liest die Al Masry Al Youm, scanne ich schnell, keine der staatlichen Tageszeitungen, trotzdem sollte ich vorsichtig sein. „Difficult to say now, in this situation. I don’t know“ weiche ich aus und frage zurück.

Er zeigt sich froh über die Entwicklung und will ein starkes Ägypten. Er ist bei der Marine, in Hurghada stationiert, und manchmal in Alexandria im Einsatz. Im letzten Jahr habe er während der Revolution die Bibliotheca Alexandrina geschützt. In seiner Erzählung spiegelt sich der prominente Slogan aus dem vergangenen Jahr wider: „Das Volk und die Armee gehen Hand in Hand.“

„We love the Germans because of Hitler“ sagt er unvermittelt zu mir, und sein Gesichtsausdruck zeigt, dass er sich aufrichtig freut.

Es ist nicht das erste Mal, dass mir gegenüber Zuneigung zu Hitler geäußert wird, doch während ich meistens ruhig bleibe, explodiere ich diesmal. Die Pistole des Officers und meine Unsicherheit mit der Situation haben mich derart unter Spannung gesetzt, dass ich ausrufe: „You would have been next“,  „glaub nicht, dass Hitler die Araber verschont hätte“. Außerdem wäre der Staat Israel nicht in seiner jetzigen Form existent, wenn es Hitler und den zweiten Weltkrieg nicht gegeben hätte, und überhaupt: Hitler hat Millionen Menschen umgebracht, der Krieg insgesamt über 50 Millionen Opfer gefordert. Ob Juden weniger wert seien als andere Menschen? In Alexandria habe eine große jüdische Gemeinde gelebt, es gebe dort eine wunderschöne Synagoge, jüdische Bewohner seien ein Teil auch der ägyptischen Geschichte. Und schließlich: wenn er wirklich meint, Hitler sei „great“, dann sei unser Gespräch hiermit beendet.

„Are you Jewish? From Israel?“ fragt er ruhig.

“No! I am from Germany.”

„Christian?“

„Yes“, sage ich und frage mich, ob das jetzt die „Israeli Spy Nummer“ wird… Die Propaganda, eine ominöse „dritte Kraft“ aus dem Ausland (bevorzugt Amerikaner oder Israelis) stifte in Ägypten Chaos, zeigt Wirkung – zumindest auf mich. Vielleicht habe ich zu heftig reagiert, denke ich. Nicht dass der Offizier auf die Idee kommt, mich „spaßeshalber“ befragen zu wollen. Ich rufe eine Freundin in Kairo an um mich zu beruhigen und bitte sie, sich später bei mir zu melden.

„Maybe I didn’t read enough books“ hingegen meint der Offizier, nachdem ich ihn trotz seiner grünen Augen nicht als arisch habe durchgehen lassen.

In Alexandria steigen wir aus. Im letzten Moment erinnere ich mich, dass die Stadt zwei Bahnhöfe hat und ich bis zum nächsten fahren muss. Ich springe mit einem schnellem Gruß in den anfahrenden Zug, froh, die Begegnung auf diese Art beenden zu können.

Irritiert schaue ich auf die vorbeiziehende Stadt. War ich paranoid, misstrauisch, vorsichtig oder vernünftig? Klar ist, dass meine Intuition – stets meine verlässlichste Begleiterin – zur Zeit auf die Probe gestellt wird.

Dennoch vertraue ich ihr mehr als jedem Officer dieser Welt.

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Unterwegs im Selbst-Auftrag. On the road - self-commissioned.
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