Presseschau I: Frauen/Ägyptische Revolution

Aus aktuellem Anlaß (s. u.) hier mein kurzer Kommentar für das popkulturell-feministische Missy Magazine (Ausgabe II/2011), der dort etwas verhackstückt im Mai erschien:

Frauen sind an der ägyptischen Revolutionsbewegung nicht beteiligt,

sie sind eine treibende Kraft.

„Wenn Du Dich für einen Mann hältst, dann komm am 25. Januar mit mir auf den Tahrir-Platz“ – forderte die 25jährige Asmaa Mahfouz provokant von der männlichen Bevölkerung in einem weit verbreiteten You Tube-Aufruf.

Die entschiedene Haltung der ägyptischen Frauen kommt nicht von ungefähr. Das Land hat eine lang zurückreichende feministische Tradition: Huda Shaarawi gründete bereits 1923 den Ägyptischen Feministischen Verband, und auch die Streiks der letzten Jahre wurden nicht zuletzt von Textilarbeiterinnen aus Mahalla getragen. Die Revolution ist also nicht über Nacht gekommen, sie ist vielmehr das Ergebnis kontinuierlicher politischer Arbeit – und zwar von Frauen wie von Männern. Das immer wieder anzutreffende Erstaunen über aktive Frauen in der ägyptischen Revolution zeigt nur, wie verfestigt das Klischee der passiven, unterdrückten arabischen Frau ist.

Der Sturz des „Pharaos“ Hosni Mubarak bedeutet aber noch keinen Systemwechsel. Mit der Übergangsregierung bis zu den für Herbst angesetzten Wahlen ist ein durch und durch patriarchaler Apparat an der Macht, der Militärrat. Und im derzeitigen Ministerkabinett sitzt nur eine Frau.

Hinzu kommt ein unkritisches Vertrauen der Bevölkerung in die Armee, eine Tücke für alle revolutionär-demokratischen Kräfte, und insbesondere für Aktivistinnen: im März und April löste das Militär Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz mit Waffengewalt auf und nahm Aktivisten fest. Augenzeugenberichte und Bilder belegen Folter. Festgenommene Frauen wurden gezwungen, ihre Jungfräulichkeit überprüfen zu lassen: sexuelle Diskriminierung mit gewalttätigen Mitteln wird als eingesetzt, um Kritik an der aktuellen Militärregierung zu unterbinden.

Die Frage bleibt offen, inwiefern die Revolution im Sinne der ägyptischen Bevölkerung erfolgreich fortgeführt werden kann. Eine konkrete Forderung von Frauen in der aktuellen Situation ist beispielsweise die Änderung des Wahlrechts – weg von Einzelkandidaturen, hin zum Listenwahlrecht, mit dem bisher wenig repräsentierte Bevölkerungsgruppen, Minderheiten und Kandidatinnen bessere Chancen auf einen Parlamentssitz haben.

Es wäre verschwendete Energie, jetzt zu versuchen, einzelne Frauen in die offiziersdominierte Übergangsregierung  zu bringen. Wichtiger ist es, den Militärrat durch anhaltenden politischen Druck auf die demokratischen Forderungen der Revolution zu verpflichten.

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

P. S. Es war für mich gleich am ersten Tag in Kairo Thema, am 9. April, und hat dann stetig an Relevanz zugenommen: Kritik an der Übergangsregierung, bzw. dem Militär – eigentlich als „rote Linie“ markiert, die nicht überschritten werden darf.

In den letzten Wochen sind Festnahmen von Bloggern und Aktivisten, sowie die Folter Festgenommener zu einem wichtigen Themen geworden, das es vor einigen Tagen auch auf CNN geschafft hat. Am 1. Juni waren alle Bogger aufgerufen, zum Thema Militärverfahren gegen Zivilisten zu posten.

Zahlreiche Video-Aussagen und Dokumentationen zu dem Thema existieren, und Amnesty International verurteilte das Vorgehen des Militärs (ich habe berichtet). Auf der englischen Homepage von Al Ahram wurde nun auch ausführlich berichtet.

Der für mich beste Kurz-Kommentar zu den “Jungfräulichkeitstests” stammt aus einer Facebook-Diskussion: „Virginity Tests are Medical Rape“ (Rasha Moumneh)

About reisendesmikro / travelling mic

Unterwegs im Selbst-Auftrag. On the road - self-commissioned.
Gallery | This entry was posted in Uncategorized and tagged , , . Bookmark the permalink.