The Politics of Sound – oder: Der Muezzin

Cairo Tower in the back - not a minaret / Cairo Tower - kein Minarett

Two calls for prayer below – and a short essay about the politics of the muezzin sound. 1 – as make-believe number one acoustic representation of “the Orient” and 2 – as a way to create an acoustic space and thereby a community (for the rest, please try Google Translate…)

Medien sind niemals neutral. Und das meine ich jetzt nicht zuvorderst bezogen auf die kommunizierten Inhalte.

Wissen wir.

Das Mikrofon in meiner Hand beispielsweise verändert sowohl die eigentlich Gesprächssituation, als auch die Umgebung. Das beschreibe ich unter Tahrir – open mic / offenes Mikrofon. Aber auch die Auswahl von atmosphärischen Aufnahmen für eine Sendung oder für diesen Blog, nimmt Einfluss auf die Wahrnehmung des Themas, um das es geht.

Vor diesem Hintergrund habe ich bei meinen bisherigen kurzen Soundscapes auf dominante Muezzin-Rufe verzichtet. Eine Be-tonung (hier besteht offenbar ein Zusammenhang von Ton und Emphase) des Allahu Akbar bestätigt ja nur akustisch das vielfach verbreitete Klischee einer durch und durch religiösen Gesellschaft. Wenn es nicht weitaus wildere Phantasien auslöst. In jedem Fall orientalisiert eine solche Aufnahme das Klangbild einer extrem vielfältigen und lauten Stadt wie Kairo.

Nichtsdestotrotz: Der Gebetsruf ist 5 mal am Tag zu hören, wenn man nicht gerade in einem Live-Konzert ist, schalldichte Fenster hat oder der Verkehrslärm ohrenbetäubend ist. Ich mag den Gesang persönlich sehr. Einige Bürger/innen in Kairo hatten sich hingegen offenbar beschwert, und die alte Regierung wollte der “Kakophonie” auch ein Ende setzen. Hat sie aber nicht.

Der Glockenklang einer Kirche definierte die Grenzen einer Gemeinde akustisch: wer im Einzugsbereich des Klangs wohnte, gehörte dazu. Und Glocken kommunizier(t)en Ereignisse – das beschäftigt die auditive Medienkultur-Forschung.

Der Muezzin-Ruf schafft und definiert ebenso temporär auditive Räume, die vereinheitlichend wirken, und die die Menschen in dem Raum verbinden. Dazu müssen sie nicht gläubig sein. Es ist nicht nur egal, ob sie Sufisten, Salafisten oder Muslimbrüder sind, auch Christen, Atheisten und welcher Glaubensrichtung Menschen noch sein können, sind in diesem akustischen Raum eingeschlossen.

Dass wir vor zwei Tagen abends auf das Ende des Gebetsrufs warten mussten, bis das Open-Air-Theaterstück aufgeführt werden konnte, ist ein konkretes und eher oberflächliches Beispiel.

Am Wochenende aber war ich zur Party eines linken Freundeskreises in Kairo eingeladen. Sozialisten, Kommunisten, Sozialdemokraten. Mitten in der Nacht brachen wir gerade dann auf, als der Muezzin den ersten Ruf getan hatte (gegen 4 Uhr). Zufall? Möglich, aber meine These ist, dass sich auch in einem solchen Verhalten zeigt, wie Klangräume eine Gesellschaft prägen.

Vor diesem Hintergrund also zwei Aufnahmen des Gebetsrufs – vom Hoteldach aufgenommen.

Auf der ersten Aufnahme sind leider trotz gutem Windschutz Windgeräusche, aber die Vögel und die Fliege am Mikro gefallen mir einfach zu gut:

Und eine Aufnahme von heute, 19 h 40 mit Bauarbeitern.

About reisendesmikro / travelling mic

Unterwegs im Selbst-Auftrag. On the road - self-commissioned.
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